Wilhelm Kosch [u.] Bruno Berger,Deutsches Literatur-Lexikon: Biographisch-bibliographisches Handbuch. Begr. v. W’K’. 3., völlig neu bearb. Aufl. gr.8°. Francke Vlg., Bern u. München.

II. Bd.: Bremer-Davidis. Hgg. v. B‘B‘ u. Heinz Rupp. VIII p.+1024 col. (1969.) sfr 92,—.

III. Bd.: Davidis-Eichendorff. Fortgeführt v. B‘ B‘. Ältere Abtlg. hgg. v. Heinz Rupp, neuere Abtlg. bearb. v. B‘ B‘ [u. a.]; Rd.: Helmut Bender unter Mitwirkung v. Cordelia Schneider. VIII p. + 1048 col. (1971.) sfr 92.—. / IV.Bd.: Eichenhorst-Filchner, Fortgeführt v. B‘B‘. Ältere Abtlg. hgg. v. Heinz Rupp, neuere Abtlg. hgg. v. Friedrich Gaede u. Detlev Steffen, bearb. v. B‘B‘ [u. a.]; Red.: Helmut Bender mit Cordelia Schneider u. Klaus-Peter Wilke. X p. + 1024 col. (1972.) sfr 94,—.

Die 3. Auflage von Wilhelm Koschs (†1960)1 Deutschem Literatur-Lexikon ist ein informationsreiches und monumentales, wenn auch nicht beredtes Zeugnis für die Misere, in der sich die deutsche Literaturgeschichtsschreibung seit der Erweiterung des Literaturbegriffs befindet. Die in der 2. Auflage noch aufgenommenen sachbezogenen Artikel wurden ausgeschieden und die Verzeichnung auf Autoren und anonyme Werke, diese nur, wenn von einiger literarhistorischer Bedeutung, beschränkt. D.h.: es wurde eine Spezialisierung auf den personellen, bio-bibliographisch faßbaren Bereich der deutschsprachigen Literatur vorgenommen, da man glaubte, daß die Realia der deutschen Literatur, also Stoffe, Motive, Begriffe, Institutionen u. dgl. von anderen Nachschlagewerken wahrgenommen werden. Diese Beschränkung auf die Personalia der Literatur (im weitesten Sinne) bedeutet aber, daß Zeitschriften, Verlage und die literarisch bedeutsamen Tageszeitungen nicht mehr im DLL. erscheinen, obwohl gerade die nunmehr generelle Erfassung aller Litterateure, also auch der literarischen Erscheinungen, die vorübergehend und mehr in die Breite als in die Tiefe gewirkt haben, ihre Berücksichtigung wohl gerechtfertigt hätten.

Während die 1. Aufl. des Lexikons (1927—30) für den Abschnitt E—Eb, der vom Rez. einer genaueren Durchsicht unterzogen wurde, 35 Artikel verzeichnete, erschienen in der noch von K’ bearbeiteten 2. Aufl. bereits 57. Die vorliegende 3. Ausgabe enthält dagegen 234 (davon sind 34 Verweisungen). Die von der 2. Aufl. noch verschmähten 15 der im Brümmer verzeichneten 29 Autoren (6/1913) wurden sämtlich in die Neubearbeitung aufgenommen. Die auswählende Tendenz der 1. und 2. Aufl. wurde gänzlich aufgegeben und statt dessen eine enzyklopädische Vollständigkeit erstrebt, die auf Wertung durch Auswahl verzichtet. Eine ähnliche Tendenz zeigen auch die Artikel zu den einzelnen A.en, deren Länge in keinerlei Beziehung zu der ‘Bedeutung’ eines Ks steht, sondern lediglich Maß für den durch Daten erfaßbaren Ereignisreichtum eines Lebens und der schriftstellerischen Produktivität des Individuums ist. Der Aufbau der Artikel hat sich gegenüber der Aufl. nicht wesentlich geändert: Man findet eine kurze, am Faktischen, d.h. an Tätigkeit und Jahreszahl orientierte Vita, ein Verzeichnis der Schriften und eine Liste der Sekundärliteratur. Das Ordnungsprinzip ist jeweils die Chronologie. Was der Benutzer vermißt, ist eine die Orientierung erleichternde Wertung, Akzente der Beurteilung. In dieser Hinsicht läßt einem die egalitäre Tendenz des DLL auf weite Strecken im Stich. Manche Rez.en haben den Verzicht auf Wertung begrüßt, da Wertung immer ein Ausdruck des Wertenden and daher subjektiv und zeitbedingt ist. Gewiß wird das Lexikon durch die Ausklammerung von Werturteilen unabhängiger vom schwankenden Geschmack der Zeit. Aber man fragt sich doch, ob die biographischen und bibliographischen Fakten, die wertfreien Daten der Literatur, das sind, was der Benutzer allein in einem Lexikon der Literatur sucht. Man hat sich hier offenbar die Philosophie zu eigen gemacht, die den biographisch-bibliographischen Handbüchern vorn Schlage des KÜRSCHNER zugrunde liegt.

Die Zahl der Nachschlagewerke zur deutschen Literatur hat im den letzten Jahren erheblich zugenommen. Besonders wurde eine rege bibliographische Tätigkeit entwickelt. Die neue Auflage des DLL ist deshalb von einer Anzahl von Konkurrenzunternehmen umgeben, die zu der Frage veranlassen, oh ein Werk dieser Zielsetzung und Methode heute noch sinnvoll ist. Wer soll dieses Werk benutzen, wo wird es aufgestellt werden? Umfang und Preis lassen vermuten, daß fast ausschließlich Bibliotheken und germanistische Seminare sich den Erwerb leisten können. Vergleichbare Werke waren das bei der 6. Auflage auf 8 Bände angewachsene Lexikon der deutschen Dichter u. Prosaisten von Franz Brümmer (Lpz.: Reclam, 1913) und H. A. Krügers Deutsches Literatur-Lexikon, Biographisches u. bibliographisches Handbuch mit Motivübersichten u. Quellennachweisen (München: Beck, 1914). Die 1. Aufl. des K’ baute auf diesen Werken auf und schloß sich besonders stark an die Krügersche Konzeption an. Die nach dem Krieg bei Francke in Bern begonnene Neubearbeitung in 4 Bänden (1949—58) wurde neben dem Körner zum wichtigsten Handwerkszeug germanistischer Literarhistoriker. Die zunehmende Spezialisierung der Wissenschaft und das schnelle Veralten der Sekundärliteratur ließ jedoch bald erkennen, daß hier nur 1., nicht immer zuverlässige und weiterführende Information zu gewinnen war. Durch das Erscheinen der Bibliographie der deutschen Literaturwissenschaft (1957 ff) und die fortlaufende, z.T. kritische Berichterstattung der Zschr. Germanistik (1960 ff) wurde die bibliographische Relevanz des K’ weiterhin eingeschränkt. Hinzu trat des Abklingen des literarhistorischen und biographischen Interesses in den 50er und 60er Jahren unter dem Einfluß des anglo-amerikanischen New Criticism und des russisch-tschechischen Formalismus, der eine stärkere Konzentration auf das literarische Werk und seine Analyse mit sich brachte. Als eine direkte Folge dieser Wissenschaftsmode darf man das Erscheinen von Kindlers Lexikon der Weltliteratur auf der Grundlage des Bompiani betrachten; ein Werk, das freilich zum Abschluß kommt, als sich die Welle der ‘immanenten Interpretationen’ bereits verlaufen hat und neue gesellschaftlich orientierte Gesichtspunkte das Feld (und den Markt) beherrschen. Diesen Tendenzen kommt das DLL durch die Aufnahme von A.en entgegen, die zwar viel gelesen, aber in den Literaturseminaren bis zum Ende der 60er Jahre wenig Beachtung gefunden hatten — ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt.

Es gibt, das muß gesagt werden, kein Werk, das so viele deutschsprachige A.en mit so vielen Literaturangaben verzeichnet wie das neue Deutsche Literatur-Lexikon, das man nun nicht mehr den K‘ nennen sollte, da sich die Konzeption so völlig geändert hat. Man wird auch gerne bescheinigen, daß sich, das Werk durch die einsichtige Typographie und einfache alphabetische Ordnung der Artikel bedeutend leichter benutzen läßt als die Internationale Bibliographie zur Geschichte der deutschen Literatur von den Anfangen bis zur Gegenwart (München u. Bln., 1969 ff). Man wird jedoch gut daran tun, deren Bände ebenfalls zu Rate zu ziehen, wenn man Literatur zu einem A. sucht, wenn auch nur ein Bruchteil der im K’ aufgeführten Schriftsteller hier trotz der demokratischen Tendenz dieses Werkes eines Platzes gewürdigt wurden. Beim bibliographischen Teil der Artikel des DLL würde sich wie in der IB grundsätzlich eine Trennung von Schriften und Briefen empfehlen; eine Regelung, die schon bei einigen, aber nicht allen A.en der vorliegenden Bände vorgenommen wurde (vgl. C. J. Burckhardt). Auch eine Gruppierung nach Gattungszugehörigkeit (s. Brockhaus) wäre dem endlosen Schlauch von Werktiteln und Jahreszahlen vorzuziehen, selbst ,wenn dabei der ohnehin fragwürdige bio-bibliographische Charakter der Listen aufgegeben würde. Die Methode der Verzeichnung läßt zu wünschen übrig und entspricht nicht den tatsächlichen Bedürfnissen des Benutzers, der gezwungen ist, jeden entnommenen Titel noch einmal an anderer Stelle zu bibliographieren. Die Formel „Autor, Titel (in: Zs./Reihe> Jahr“ gibt keinen Aufschluß darüber, ob es sich um ein Buch in einer Reihe oder einen Aufsatz handelt, was für das Bibliographieren des Titels relevant wäre. Auch die Angabe des Ortes bei nicht in Deutschland erschienenen Monographien und Sammelwerken, die nur sporadisch erfolgt, ist erforderlich. Der Rez. ist sich im Klaren darüber, daß nur die wenigsten Literaturlexika mit bibliographischer Relevanz die Seitenzahlen von Aufsätzen angeben, ist aber der Meinung daß diese zusätzliche Information sich durch, die Verwendung von Siglen bei Zeitschriften und literarischen Formen, (Rom. = R., Nov. = N usw.) ohne großen Aufwand unterbringen läßt. Die Auflösung von Siglen nimmt erfahrungsgemäß weniger Zeit in Anspruch als das Durchblättern ganzer Bände nach einem Aufsatz.

Es bleibt bei einem Werk dieser Reichweite bei einer relativ kurzen Entstehungszeit nicht aus, daß bei der Fülle der zu bearbeitenden Daten Autopsie nur selten durchzuführen ist und nicht für jeden A. ein Verzeichnis seiner sämtlichen Schriften und der über Um erschienenen Literatur erstellt werden kann. Trotzdem erstaunt immer wieder aufs Ganze gesehen die Vollständigkeit des Deutschen Literatur-Lexikons, und man muß den Bearbeitern und Herausgebern danken, daß sie keine Mühe gescheut haben, das immense Material zusammenzutragen. Die folgende Liste ist deshalb kein Zeichen für die Unzuverlässigkeit des Werkes, sondern will nur Unrichtiges berichtigen und Fehlendes ergänzen.2

J.-F. Angelloz hatte die 2. Auflage des K’ lakonisch und abschließend ein „instrument de travail indispensable“ genannt. Dieses Urteil behält auch für die Bearbeitung des Handbuchs nach neuen Prinzipien seine Gültigkeit, denn es gibt kein 2. Werk, daß über die Kleinen und Großen der deutschen Literatur im weitesten Sinne gründlicher informiert. Gerade, weil man sich Angaben über diese scriptores minores des deutschen Schrifttums bisher mühsam aus Katalogen zusammensuchen mußte, ist es bedauerlich, daß hier mitunter nicht etwas sorgfältiger gearbeitet wurde. Dem Verlag wäre man für eine der 2. Auflage entsprechende Papierqualität dankbar.

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V. Bd.: Filek-Fux, Ältere Abtlg. hgg. v. H’ R’, bearb. v. Peter Ochsenbein, Erika Schumacher u. Joachim Suchomski; neuere Abtlg. hgg. v. Hildegard Emmel, bearb., v. Helmut Bender, Bruno Berger, Peter Hille., Heinz-Peter Linde, Cordelia Schneider u. Klaus-Peter Wilke. X p. ± 926 col. (1978.) sfr/DM 138,—.

VI.Bd.: Gaa-Gysin. Hgg. v. H’ R’ (ä1tere Abtlg.) u.Carl Ludwig Lang (neuere Abtlg.). XIV p. + 1092 col. (1978.) sfr/DM 164,—.

Six years after the publication of vol. IV two more volumes have been added to the new edition of this by now well-known work of reference indispensable for all who require information on the data pertinent to the life and work of most, even though naturally not all, writers that have toiled in the field of German letters from the beginning to the present day.3 In general the editors have been governed by a fairly conservative concept of what constitutes ‘literature’, not casting their nets quite as far as the compilers of the NewCBEL. The main staple of this painstaking and ambitious handbook are poets, writers of fiction, dramatists and essayists. Of writers operating on the fringes of imaginative literature, journalists are proably presented in the greatest number. There is also a sprinkling of academics, particularly in vol. V. A thoughtful reader of McLuhan might have expected more attention paid to the writers of film and television scripts and to the literary middlemen marketing the pot-boilers and masterworks that find their ray into the remainder lists. Whether the policy of avoiding evaluation, frames of reference and a general structuring of the factual data provided does prove helpful to the user of this handbook and is in keeping with the intellectual currents and insights of our times, remains to be seen. Schopenhauer’s motto Non multa ... has certainly been reversed here. This policy has enabled the publishers to continue this project over the years without any material changes other than aiming for a higher degree of accuracy, despite the fact that the names of contributing scholars and bibliographers have altered from volume to volume. (As the compiled data are of a fairly low order of complexity the use of a computerized processing and data retrieval system might have been very effective in the long run and certainly in keeping with the past and present principles of inclusion and data presentation adopted here. The very interesting if limited applications of bio-bibliographies stored on magnetic tape might have made a worthwhile addition to our present knowledge of German literature.)

As an innovation vol. VI lists the names of the contributors (22) in an alphabetical table. As roughly 160 entries have been due to one compiler the user of the new Kosch cannot expect 1st class expertise in all cases. Even the major entries (hardly ‘articles’, alas) are rarely the work of a scholar that has done appreciable work on a particular a. previously. Thus H. Bender and K.-P. Wilke are responsible for the entries on Fontane, Freud, and Frisch, while P. Hille looks after Fischart. There are more specialist contributions in vol. VI where P. Goff has ably and succinctly looked after George and K. Fehr has been in charge of Gotthelf while Grimmelshausen has been treated by G. Weydt and Gryphius by E. Manack.— Dire financial difficulties encountered during the tardy completion of vol. V have shown the need for a new editorial policy of drastic curtailment and compression to prevent this commendable undertaking from a premature foundering. Enlisting the advice of F. Martini and J. Stenzel a master plan was drawn up limiting the scope of the new Kosch to 15 volumes. With an additional volume every 2 years we can thus hopefully envisage completion of the entire work at die turn of the century. A major obstacle has remained the inclusion of host of auctores minores (dear to bookish librarians and specialist collectors no doubt), many of them very prolific, that crowd the more substantial a.s and keep out the kind of valuable guidance provided in less ambitious works of lesser scope.

Even though the following comparison might seem unjust and not in keeping with the aims of this more or less ‘comprehensive’ bio-bibliographical manual, I would like to state for the records that of the c. 3200 as listed in vol. V a mere 17 make the pages of the (infinitely smaller!) Penguin Compendium, while only 14 have been subject to scholarly treatment in 1973 (MLABibl.). The figures for vol. VI are respectively c.3500:34:40. There are, however, some serious omissions among Yiddish writers. Since Yiddish is treated among German dialects in die DPhiAufriß and Swiss dialect writers (e.g. S. Gfeller) have been included, one might justifiably argue that also Yiddish poet, dramatists and novelists as S. Frug, A. Goldfaden, J. Gordin, A. Gottlober, Glückel v. Hameln, C. Grade might have warranted an entry. Among German Jewish writers 0. Fischer, A. Frank, W. Frischauer, E. Gans, A. Geiger, L. Geiger, A. Goldberg, H. Goldberg, L. Goldschmidt, E. Goldstücker, I. Goldziher, M. Grunwald, and M. Güdemann have possibly been overlooked. These are very slight shortcomings considering the wealth of information made available in these volumes at a very high standard of accuracy. All users of these and future volumes owe a heavy debt of gratitude to all concerned in the tiresome researching, compilation and production of this monument to genius and mediocrity.4


1 Vgl. die Rez. v. A. CLoss über die 2. Aufl. in Erasmus, II (1942) 3Sf; Ausgabe in einem Band: Bibliographie in Erasmus, XVI (1964) 767; zu W.. Kosch vgl. ferner: Erasmus IV (1951) 690—3 (mit Erratum V <1952> 274) u. XIII (1960) 147—SO (Deutsches Theater-Lexikon, Rez.en v. R.. NEVALD u. M. KESTING), XVII (1965) 386f (Biographisches Staatshandbuch, Rez. v. P. SUTERMEISTER).

Zu B. BERGER vgl. Erasmus, VII (1965) 84—6 (Der Essay, Rez. v. N. Horton SMITH).


2 Die zahlreichen Ergänzungen und Berichtigungen wurden hier nicht abgedruckt. Der Interessierte findet diese Angaben in Erasmus, vol. 26, no. 21-22, col. 802-04.

3 For the Deutsches Literatur-Lexikon cf. Erasmus, II (1948) 35 f (rev. by A. Closs) and my review in Erasmus, XXVI (1974) 798—805; for W. Kosch cf. also Erasmus, IV (1951) 690—3 (Deutsches Theater—Lexikon, rev. by R. Newald) and XIII (1960) 147— 50 (id., rev, by M. Kesting), XVII (1965) 386 f (Biographisches Staatshandbuch rev, by P. Sutermeister).

4 A checklist (of possibly) intended lacunae pertaining chiefly to secondary literature was omitted here. It can be found in Erasmus vol. 31, no.1-2, col.37f. where this review was originally published.

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