Medienpädagogik in Südafrika - ein Zwischenbericht


von:
Ralf Juhnke (University of Cape Town)


1 Projektrahmen

Medienpädagogik wird in Südafrika vor allem unter einem ganz bestimmten Aspekt diskutiert: dem potentiellen Beitrag, den sie für die Entwicklung kritischer Staatsbürger in einer entstehenden demokratischen Gesellschaft liefern kann.

Diese Zielsetzung mutet sehr allgemein und plakativ an. Geht man jedoch in der Geschichte nur um ein paar Jahre zurück, dann wird deutlich, wie wenig selbstverständlich freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit und demokratische Erziehung noch bis vor kurzem waren. Während der Apartheid haben Medienaktivisten der staatlichen Medienhegemonie und Zensur durch oppositionelle Medienarbeit die Stirn geboten, und als Alternative zur staatlichen Erziehung entwickelte sich die "Peoples Edcucation" Bewegung mit ihrer Kritik&127; der repressiven Rassenideologie. Die Geschichte der südafrikanischen Medienpädagogik ist daher auch eine Geschichte des Widerstandes gegen das Apartheidregime.

Dieser Zwichenberichtbericht geht aus diesem Grunde über eine reine Momentaufnahme aktueller medienpädagogischer Konzeptionen und Projekte hinaus. Er postuliert vielmehr, daß sich Selbstverständnis und Ziele der südafrikanischen Medienpädagogik nur aus dem gesellschaftlichen Kontext heraus verstehen lassen. Er wird sich an folgenden inhaltlichen Gliederungspunkten orientieren:

Zunächst wird ein Überblick über die Traditionen des südafrikanischen Bildungswesens geliefert. Daran knüpft einerseits eine Darstellung der Methoden staatlicher Medienkontrolle und Zensur durch den Apartheidstaat an, speziell während der Phasen des nationalen "Notstandes" in den 80er Jahren. Andererseits werden die Aus- und Umwege, über die mit alternativer Medienarbeit die Rassenpolitik der National Party (NP) bekämpft wurde, skizziert.

Vor diesem Ausgangspunkt wird dann im zweiten Teil auf die derzeitige Situation der südafrikanischen Medienpädagogik eingegangen. Hier soll zum einen der gegenwärtige Diskurs anhand von Veröffentlichungen südafrikanischer Autoren erörtert werden. Weiterhin ist vorgesehen, Formen und Ziele medienpädagogischer Arbeit an Schulen sowie anderen gemeinnützigen Medienanstalten darzustellen.

In Hinsicht auf Schule drängt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt die interessante Frage auf, inwieweit die medienpädagogischen Elemente, die in das neue "Curriculum 2005", dessen schrittweise Einführung von 1998 an geplant ist, integriert wurden, eine ausreichende Basis für effiziente Medienarbeit im Klassenzimmer bieten können. Abgesehen vom Lehrplan spielen noch zwei weitere Faktoren eine wichtige Rolle. Erstens wird die Ausbildung der Lehrer entscheidend für die Qualität des Medienunterrichtes sein; Medienpädagogik jedoch ist kein fester Bestandteil der Lehrerausbildung an Universitäten und Colleges. Zweitens befinden sich viele der "schwarzen" Schulen in einem noch immer desolaten baulichen Zustand, z.T. ohne Strom und Wasser, und haben übervölkerte Klassenzimmer von nicht selten 100 Schülern.

2. Zu Forschungsmethoden und zum augenblicklichen Stand der Untersuchung

Der Arbeitsablauf läßt sich grob in drei Phasen unterteilen. Selbstverständlich bildet eine Übersicht über die Literatur zum Thema Medienpädagogik in Südafrika die logische Grundlage für alle weiteren Schritte. Ohne Vorwissen lassen sich kaum sinnvolle Fragen stellen, die in der Thematik weiterführen. In einer zweiten Phase wurden zur Erweiterung und Aktualisierung des Kenntnisstandes qualitative Interviews mit Experten geführt. Augenblicklich wird an einem standardisierten Fragebogen gearbeitet, mit dessen Hilfe die Aspekte "Medieneinsatz im Unterricht/ Medienpädagogik im Unterricht" bearbeitet werden sollen.

Als besonders wertvoll hat sich hier das Buch "Media Matters in South Africa" (Prinsloo; Criticos 1991) erwiesen, eine Art Bestandsaufnahme der südafrikanischen Medienpädagogik zu Beginn der 90er Jahre. Es stellt eine gute Ausgangsbasis für alle weiteren Recherchen dar. Daneben ist das Studium von Quellentexten sehr fruchtbar. Der Begriff "media education" taucht darin oft nicht direkt auf, dafür aber eher allgemeine, bestimmten Lerngebieten untergeordnete Sachverhalte wie, "control of the mass media and communication" sowie "media literacy" und "visual literacy".

Es ist nicht immer leicht, Medienpädagogik zu identifizieren. Wenn Medienpädagogik als erziehungswissenschaftliches Paradigma nicht bekannt ist, heißt das noch nicht, daß nicht in irgendeiner Weise medienpädagogisch gearbeitet wird oder zu medienpädagogischen Konzepten implizit Stellung bezogen wird. Z.B. in der SADTU (South African Democratic Teachers Union = Lehrergewerkschaft) Zeitschrift "the new teacher" (2/1 Okt. 94, S.9) wird unter dem Stichwort "Newspapers in the Classroom" über lebensnahen Unterricht gesprochen, über einen "critical approach to the media" und Möglichkeiten, in ländlichen Regionen, in denen es den Schulen an allem fehlt, Zeitungen als Alternative zu teuren Büchern zu benutzen. Von Media Education, Media Literacy oder ähnlichem ist in der Überschrift keine Rede. Auch im weiteren Verlauf des Textes wird nicht auf Medienpädagogik eingegangen. Bei der Suche nach Quellen, die sich aus Zeitgründen oft auf das Überfliegen von Überschriften beschränkt, erweist es sich zum Zwecke der Identifikation als hilfreich, durch das Studium von Sekundärliteratur mit gängigen Begriffen und Konzepten, vielleicht einigen Projekten sowie sprachlichen Besonderheiten vertraut zu sein. Ohne Vorwissen ist es schwierig, brauchbare Passagen schnell zu erkennen und in den richtigen Zusammenhang einzuordnen.

Auf dem Studium von Sekundärliteratur aufbauend wurden in einer ersten empirischen Phase Leitfragen Interviews mit Mitarbeitern des "Western Cape Educational Department" geführt, die im Bereich "Curriculum Planning" tätig sind. Der Leitfragen orientierte sich im wesentlichen an den Unterpunkten des allgemeinen Projektfragebogens, der bereits im Sommer 1996 für eine Internet Recherche benutzt wurde. Der sehr allgemein gehaltene Internet Leitfragen wurde insofern modifiziert, als auf die spezielle südafrikanische Situation bezug genommen wurde. Auf diese Weise konnten die aus der Literatur bekannten Standpunkte noch einmal im Gespräch überprüft und oft durch weitere Details oder beispielhafte Erläuterungen ergänzt werden. Zweitens war es möglich, etwas über die Arbeit der Institution, in denen die interviewten Experten tätig waren,zu erfahren. Drittens, und das war von sehr hohem praktischen Nutzen, waren die Gesprächspartner sehr hilfsbereit bei der Weitervermittlung neuer Kontaktpersonen. Die qualitativen Interviews hatten somit zusätzlich zur informativen Funktion auch eine Orientierungsfunktion.

Die Untersuchung mit Hilfe des standardisierten Fragebogens richtet sich an High School Lehrer des "Western Cape Educational Department" (WCED). Aus Literatur und Experteninterviews ist bekannt, daß Medienpädagogik kein Bestandteil der Lehrerausbildung ist. Trotzdem kann davon ausgegangen werden, daß Medien im Unterricht eingesetzt werden. Zudem bezieht sich das neue Curriculum 2005 zwar nicht ausdrücklich auf den Terminus "media education", trotzdem sind, in den Bereichen "Arts & Culture" sowie "Language, Literacy & Communication", Elemente mit medienpädagogischem Hintergrund enthalten, deren erfolgreiche Umsetzung wesentlich von entsprechend ausgebildeten Lehrern abhängen wird. Da erstens die medienpädagogischen Aspekte im neuen Curriculum eher eine marginale Rolle spielen, und zweitens aus den qualitativen Interviews zu erfahren war, daß "harte" Bereiche wie "Naturwissenschaft" "Mathematik" und "Sprache" (basic literacy) im Lichte von Globalisierung und internationalem Wettbewerb von den Schulplanern als Priorität betrachtet werden, kann davon ausgegangen werden, daß die medienpädagogische Qualifizierung der Lehrer eine untergeordnete Rolle spielen wird. Zumindest in der nächsten Zukunft. Um somit abschätzen zu können, inwiefern das Potential des neuen Curriculums in medienpädagogischer Hinsicht ausgeschöpft werden kann, ist es wichtig zu wissen, in welchem Ausmaß Lehrer welche Medien mit welchen pädagogischen Hintergründen bereits jetzt verwenden. Ohne Lehrerfortbildung wird sich vermutlich an diesen Unterrichtsgewohnheiten nicht viel verändern. Der Fragebogen versucht also zum einen zu ergründen, welche Medien wie häufig im Unterricht eingesetzt werden - unabhängig von pädagogischen Absichten. Zum anderen soll er dazu beitragen herauszufinden, welche Intentionen Lehrer beim Medieneinsatz verfolgen und welche expliziten Konzepte bzw. impliziten Einstellungen gegenüber Medien zugrunde liegen. Des weiteren soll herausgefunden werden, wie viele Lehrer über "media education" als explizit pädagogischen Ansatz Bescheid wissen, woher sie ihr Wissen haben und wie sich ihre Antworten von solchen Lehrern unterscheiden, die noch nie von Medienpädagogik gehört haben.

Gegenwärtig befindet sich der Fragebogen in der Pre-Test Phase und muß in einigen Punkten noch überarbeitet werden. Falls die Untersuchung von der Regierung genehmigt wird, soll der Fragebogen Anfang August als Mail-Survey herausgehen. Die Art der Stichprobe ist ebenfalls noch mit der Regierungsbehörde abzuklären, die ein verständliches Interesse hat, Lehrer vor Überfischung durch übereifrige Sozialwissenschafter zu schützen.


Aktualisiert am 25. Februar 1999