Medienpädagogik in Indien


von:
Mailin Thomas


Gliederung:


0. Einleitung

Diese vorläufige Auswertung bezieht sich leider nur auf die Arbeiten von Kemal Kumar sowie meine eigene Kenntnis des Landes, die sich im wesentlichen nur auf die in der unter Punkt 13 aufgeführte Literatur und die an mich herangetragenen Medien bezieht. Das ist natürlich sehr wenig für ein so großes Land wie Indien, aber es sollte für einen ersten Einblick reichen.

Allgemein ist die Medienpädagogik in Indien noch in einer Experimentierphase und erhält wenig Echo aus dem eigenen Land oder Kontinent, weil die meisten Kongresse in Europa stattfinden und die medienpädagogischen Konzepte auch eher für die westliche Hemisphäre zugeschnitten sind.

Indien gehört zu den Dritte Welt-Ländern und hat daher andere Ziele in der Medienpädagogik als in Europa. Es geht hier sehr in die Richtung Entwicklung und Befreiung. Kumar meint, daß man mit Hilfe der Medienpädagogik zu einer demokratischen Kommunikation kommen soll. Seine Vorstellungen von Medienpädagogik bezieht er auf alle Länder der Dritten Welt.

1. Definitionen der wichtigsten Begriffe in der Medienpädagogik

In Indien gibt es eine klare Unterscheidung zwischen media education, als eine Erziehung zum kritischen Umgang mit Medien; educational technology, die, neben der Vermittlung von sämtlich Lehrtechniken, auch den Gebrauch von Medien im Unterricht beinhaltet; und professional education in the media, einer Verbindung von Journalismusschule und Filmhochschule.

Keval Kumars Definition der Medienpädagogik wäre eine Lehrmethode, die formelle, non-formelle und informelle pädagogische Methoden dazu benutzt, ein kritisches Verständnis der verschiedenen Medien zu vermitteln, so daß dieses zu einer größerer Verantwortung und einer größeren Teilnahme an der Produktion, am Vertrieb und an der Rezeption der Medien führt.1

2. Die Ziele der Medienpädagogik

Das Hauptziel der Medienpädagogik ist laut Kumar, daß die Medien der Gemeinschaft (weniger dem einzelnen Menschen) so weit nahe gebracht und übereignet werden, daß diese für das öffentliche Interesse und für die Wohlfahrt genutzt werden, anstatt nur für den Profit der Produzenten.

Genauso wichtig ist es, kritisches Bewußtsein zu fördern und zu vermitteln. Dadurch sind die Menschen in der Lage, aktiv in die Produktion einzugreifen und die Medien nicht nur passiv zu konsumieren.

Ein weiteres Ziel wäre es, dieses Bewußtsein politisch im demokratischen Sinne einsetzbar zu machen. Im Ganzen soll sich die Medienpädagogik in Indien eher in Richtung Aufklärung der Massen gegen staatliche Willkür und zur Befreiung aus dem Status eines Dritten Welt-Staates orientieren. Fernsehen und Kino können zur "Aufklärung" eingesetzt werden, weil sie auch Analphabeten zugänglich sind. Auch geht Kumar, zu recht, davon aus, daß auch "ungebildete" Konsumenten die Medien reflektieren und sich nicht wie allgemein argumentiert wird, manipulieren lassen.

3. Medienpädagogische Konzepte und deren Ziele

Es wird unterschieden zwischen media education und educational technology. Mit Media Education ist das Lernen über Medien und mit Educational Technology ist das Lernen mit Medien zu lernen. Das Lernen mit Medien ist in den indischen schools of education (teacher training institutes), den Lehrerausbildungsstätten, mit integriert, damit die Lehrer Medien als Hilfsmittel einsetzen können.

Das Lernen über Medien findet außerhalb der Institute als non-formale Aktivität statt und wird entweder von interessierten Einzelpersonen oder kirchlichen Organisationen gefördert und angeboten. Die kirchlichen oder sozialen bzw. politischen Gruppen, die die Medienpädagogik anwenden, benutzen diese aber zumeist, um auf den von ihnen propagandierten manipulativen oder moralzerstörenden Charakter der Medien hinzuweisen oder sie für undemokratische (uns auch demokratische) politische Ziele zu benutzen. Kumar hat nichts gegen diese Politisierung, hält sie sogar für notwendig, aber nur, um das Wohl der Allgemeinheit zu verbessern, also nur für soziale Zwecke, um Mißstände zu bereinigen.

Man bedient sich ansonsten in der Praxis zu sehr der reinen Textkritik und nicht der Aufklärung.

4. Medienpädagogische Projekte und deren Ziele

Fehlanzeige. Es gibt viele einzelne Arbeiten zum Thema, aber weder eine Dachorganisation, noch eine Sammlung oder Sichtung der Arbeiten. Alles läuft parallel und teilweise ohne Kenntnisnahme voneinander ab.

5. Übersicht über Institutionen, in denen Medienpädagogen arbeiten

Medienpädagogen arbeiten in Indien in einigen kirchlichen Schulen im Süden Indiens, in ungefähr drei Departments of Communication (Kommunikationswissenschaft) und in einigen NGOs , nicht-regierungamtliche Organisationen.

6. Welche professionellen Gruppen üben die Medienpädagogik aus

Es handelt sich dabei um: kirchliche Beamte, Lehrer, Universitätsprofessoren und Sozialarbeiter.

7. Probleme bei der Realisierung von Medienpädagogik in Indien

Der Medienpädagogik in Indien stehen zwei Dinge im Weg. Zum einen ist das Schulsystem immer nur auf die Examen ausgerichtet, auf die vorbereitet wird. Und außerdem werden die Curricula von der Regierung kontrolliert. Medienpädagogik wird abhängig von der Politik.

Ein weiteres Problem sieht Kumar in der Medienpädagogik selbst. Sie sollte nur in Verbindung mit anderen Fächern gelehrt werden. Medienpädagogik als Einzelfach würde die Medien überbewerten und sie ihrem sozialen Kontext entreißen. Die Überbewertung würde dann wieder zu der Theorie der Manipulation führen.

Medienpädagogik als Einzelfach sollte es als weiterbildendes Fach geben.

8. Die Rolle der MP in den Curricula

Die Medienpädagogik spielt bis jetzt noch keine Rolle und wird auch in nächste Zukunft keine spielen.

9. Stellenwert der MP in der Ausbildung von Pädagogen

Es gibt Angebote für den Gebrauch und die Handhabung von Medien (educational technology), aber nicht in Medienpädagogik, als dem Lernen über Medien.

10. Gibt es einen Erfahrungsaustausch

Es gibt gelegentlich Seminare und Konferenzen, aber die meiste Zeit verbringen die Medienpädagogen alleine, was bei der geringen Anzahl von Medienpädagogen, aufgeteilt auf ein fast kontinentgroßen Land kein Wunder sein sollte.

11. Kooperative Projekte

Solche Projekte finden gelegentlich zwischen einigen Medienpädagogen statt, aber nur auf einer privaten Basis.

12. Die Relevanz der Medienpädagogik

Die oftmalige Unvernunft der Medien, die in Indien nun fast ausschließlich von politischen und kommerziellen Interessen kontrolliert und geleitet werden, machen Medienpädagogik mehr als nötig und deshalb weist Keval Kumar ihr eine große Relevanz zu.

In Indien nehmen Fundamentalismus und Nationalismus zu, verbunden mit einer zunehmenden Industrialisierung, von der nur wenige etwas haben. (siehe die Computersoftware-Industrie)

Medienpädagogik soll mit als Hilfsmittel gegen staatliche Willkür helfen.

13. Basisliteratur zur Medienpädagogik in Indien

Laut Keval Kumar gibt es sehr wenig Literatur zur Medienpädagogik in Indien. Es existieren aber zwei Videokassetten, die in die Medienpädagogik einführen.

Literatur zur Medienpädagogik in Indien:

1.   Media Education, Communications  Keval Kumar      Bombay: Himalaya Publishing    
     and Public Policy'                                House                          

2.   Mass Communication:A critical    Keval Kumar      Bombay:Vipul Prakashan         
     analysis                                                                         

3.   Media Education in India:        Jacob            New Delhi: National Institute  
     Challenges and Prospects         Scrampickal      of  Social Communication for   
                                      (ed.)            Research Training              

4.   Exercises in Media Education     Peter Gonsalves  Bombay: Tej Prasirini/Don      
                                                       Bosco                          

5.   Media Education outside          Keval Kumar      in:EMI (Educational Media      
     School-The Indian Experience                      International),4/1989,         
                                                       S.215-218                      

6.   Advertising                      Keval Kumar      Bombay: Directorate of         
                                                       Bombay, 1990                   

7.   Redefining the goals:            Keval Kumar      in: Bazalgette, New            
     Reflections from India                            directions,1993, S.153-156     

8.   India                            Keval Kumar      Clipboard ,Winter 1996, p.7    

9.   The Politics of Satellite TV in  Keval Kumar      in: Peter Ludes (ed.),         
     Asia: Implications for Media                      Informationskontexte für       
     Education                                         Massenmedien: Theorien und     
                                                       Trends, Westdeutscher Verlag,  
                                                       1996                           


Adressen:

1.  Keval J. Kumar             2.    Amruthavi Centre for Communication  

    Dept. Comm. &Journalism                                              

    University of Poona                                                  

    Ferguson College Road            50 Sebastian Road                   

    Poona 411 004, India             Secunderabad, India                 


(e-mail: igmartin@giaspn01.vsnl.net.in)

3.  Communication and Culture  4.    Media Centre                                   

    Media Education Programme                                                       

    Loyola College                   96 Lavalle Road                                

    Madras 600 034, India            Bangalore 560 001, India                       


5   Chitrabani                 

    76 Rafi Ahmed Kidwai Road  

    Calcutta 700 016, India    



Aktualisiert am 25. Februar 1999