Medienpädagogik in der BRD


von:
Frauke Rothbarth und Ralph Juhnke


Gliederung:

1. Einleitung

2. Begriffliche Klärung und Fachverständnis
Medienpädagogik - Mediendidaktik - Medienerziehung - Medienforschung - Medienkunde

2.1 Medienpädagogische Konzepte
Jugendschutz - Medienkritik - alternative Medienarbeit - sozialökologischer Ansatz - technische Qualifizierung

3. Medienpädagogik in der Praxis

3.1 Die besuchten Institutionen
Ev. Luth. Medienzentrale - Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (LJS) - Niedersächsisches Lehrerfortbildungs Institut (NLI)

4. Anregungen für eine Projektfortführung

1. Einleitung

Die technisch-ökonomische Entwicklung im Bereich der telekommunikativen Vernetzung läßt die Welt, zumindest die westlichen Industrienationen, enger zusammenrücken. Sie leistet einer Medialisierung des Lebensalltages Vorschub und geht einher mit einer internationalen Homogenisierung von Medieninhalten und auch von Medienkultur. Das heißt nicht, daß letztendlich die traditionellen Kulturen ihre Identität verlieren und, in Anbetracht der zur Zeit vorherrschenden Dominanz, amerikanisiert werden. Vielmehr ist davon auszugehen, daß auf die fortschreitende Medialisierung gesellschaftlich unterschiedlich reagiert wird und somit einer kulturellen Assimilation ein spezifisches Verlaufsmuster gegeben wird. So gesehen steht die Globalisierung der Medienlandschaft in einem dynamischen Verhältnis zu den lokalen Eigenarten ihrer Aufarbeitung, worunter auch medienpädagogische Konzepte, z.B. in den nationalen Curricula, zu zählen sind. Erst der Blick in andere Gesellschaften kann uns eigene Besonderheiten, aber auch Gemeinsamkeiten mit anderen, aufzeigen. Ein internationaler Vergleich dient in erster Linie der Orientierung: Wo können wir erfolgreiche Konzepte übernehmen, wo müssen wir in unserer speziellen Situation eigene Wege beschreiten.

Der vorliegende Bericht "Medienpädagogik in Deutschland" soll im Rahmen unseres Projektes eine erste Grundlage für einen internationalen Vergleich theoretischer Konzeptionen und praktischer Arbeit bieten. In Anlehnung an neuere Handbücher wird im ersten Teil das aktuelle Fachverständnis der Wissenschaft Medienpädagogik wiedergegeben. Hierzu gehören: begriffliche Definition, konzeptionelle Varianten, Wissenschaftsgeschichte und gegenwärtige Problemfelder. Es folgt im zweiten Teil ein exemplarischer Überblick über die medienpädagogische Arbeit unterschiedlicher Einrichtungen im Raum Hannover. Für diesen Zweck wurde entsprechendes schriftliches Informationsmaterial ausgewertet; zusätzlich waren die örtlichen Leiter der von uns ausgewählten Institutionen bereit, sich von einzelnen Projektmitgliedern interviewen zu lassen.

Wir hoffen auf diese Weise, dem ausländischen Leser zu einer ersten Einschätzung der Medienpädagogik in Deutschland verhelfen zu können.

Begriffliche Klärung und Fachverständnis

Medienpädagogik

Medienpädagogik als Fachterminus taucht erstmals zu Beginn der 60er Jahre auf, die Etablierung als eigenständige wissenschaftliche Disziplin erfolgte an den deutschen Hochschulen erst in den letzten beiden Jahrzehnten (vgl. Hüther, Schorb 1990, S.160).

In Deutschland wird Medienpädagogik als Sammelbegriff für alle möglichen pädagogisch orientierten Beschäftigungen mit Medien verwendet. Dies betrifft sowohl Theorie als auch die eigentliche pädagogische Praxis. Ihr ordnen sich weitere Teildisziplinen unter wie Medienerziehung, Mediendidaktik, Medienkunde und Medienforschung (vgl. Baacke 1989, S.325).

Zentraler Gegenstand der Medienpädagogik sind dabei nicht die Medien selbst, sondern die individuellen Umgangsformen mit ihnen. Im Gegensatz zur reinen Medienforschung wählt sie sich den Menschen mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, sein Leben mit Medien zu gestalten, zum Hauptinteressengebiet (vgl. Baacke, Kübler 1991, S.35)

Wenn man bedenkt, daß neue Medien, allen voran Computer und Datenvernetzung, mehr und mehr in berufliches wie privates Leben eindringen, dann werden die Begriffe Medienkunde, Mediendidaktik und Medienerziehung nicht mehr ausreichend in der Lage sein, das Spektrum einer der Entwicklung angemessenen Medienpädagogik zu umschreiben. Eine erweiterte Definition von Medienpädagogik umfaßt demgemäß "alle sozialpädagogischen, sozialpolitischen und sozialkulturellen Überlegungen und Maßnahmen wie Angebote für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen, die ihre kulturellen Interessen und Entfaltungsmöglichkeiten, ihre Wachstums- und Entwicklungschancen in Beruf, Freizeit und Familienleben sowie ihre politischen Ausdrucks- und Partizipationsmöglichkeiten betreffen. Diese Chancen und Möglichkeiten werden immer stärker beeinflußt und mitgestaltet durch expandierende Informations- und Kommunikationstechniken, die das Rezeptionsverhalten gegenüber Massenmedien, aber auch Arbeitsplätze, Arbeitsverhalten, und Arbeitschancen sowie Handlungsmöglichkeiten im öffentlichen und privaten Leben nachhaltig verändern. Daher stellt Medienpädagogik diese Informations- und Kommunikationstechniken mit ihren sozialen und kulturellen Folgen in den Fokus ihrer Betrachtung" (Baacke 1991, S.20).

Mediendidaktik

"Bereich der Didaktik, in dem es um die Frage geht, welche Medien zur Erreichung pädagogisch gerechtfertigter Ziele gestaltet und verwendet werden können bzw. sollen" (Tulodziecki 1989, S.21).

Medienerziehung

"Bestimmung von Zielen, die im Zusammenhang mit Medienfragen angestrebt werden sollten, und von pädagogisch angemessenen Maßnahmen, um diese Ziele zu erreichen" (ebenda).

Medienforschung

"Umfaßt alle wissenschaftlichen Aktivitäten mit dem Ziel, deskriptive Aussagen, Hypothesen und / oder Ziel-Mittel-Aussagen mit Medienbezug zu finden und / oder zu überprüfen sowie die Aussagen in einen systematischen Zusammenhang zu bringen" (ebenda).

Medienkunde

"Stellt die technischen, organisatorischen, rechtlichen, ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen und Voraussetzungen für medienpädagogisches Handeln und daraus resultierende Überlegungen dar" (ebenda).

2.1. Medienpädagogische Konzepte

Es lassen sich fünf Konzeptionen von Medienpädagogik unterscheiden, die historisch-systematisch unterschiedliche Ursprünge aufweisen und heute als sich ergänzende, aufeinander verweisende Varianten verstanden werden (vgl. Hiegemann, Swoboda 1994, S. 14).

Medienpädagogik als bewahrende Instanz; Jugendschutz

Medienpädagogik sah ihre Aufgabe anfangs darin, Schutzbedürftige, also in erster Linie Kinder und Jugendliche, vor moralisch gefährlichen Medieninhalten zu bewahren: "Einhergehend mit der Entdeckung und der rechtlichen Konstitution des Jugendalters ab 1900 konnten konservative gesellschaftliche Gruppen insbesondere in Deutschland ein umfassendes System der Medienkontrolle durchsetzen - von der allgemeinen strafrechtlichen Verfolgung "unzüchtiger Schriften" (§ 184 StGB) und Präventivkontrollen im Filmwesen (Reichslichtspielgesetz von 1920) bis hin zu speziellen Jugendmedienschutz-Gesetzen (Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften ab 1926)" (Swoboda 1994, S.15).

Aufklärerische Analyse und Kritik der Medienindustrie

Medien, insbesondere im Zuge der schnellen Verbreitung des Fernsehens in den 70er Jahren, erfreuten sich einer immer größeren Beliebtheit. Damit einher ging die Einschätzung, daß Medien und ihre beeinflussende Wirkung nur Ausdruck oder Bestätigung, jedoch nicht Ursache eines gesellschaftlichen Wandels seien. Der Bewährpädagogik, die aus dieser Sicht keine erfolgreiche Arbeit leisten konnte, wird so die Grundlage entzogen. An ihre Stelle tritt eine Pädagogik, die über Macht und Einfluß im Mediensektor, Entstehungs- und Verbreitungsbedingungen von Medienbotschaften, über Veränderungsprozesse von Information, Kommunikation und Öffentlichkeit aufklären möchte. Es ist ihre Intention, zu einer kritischen Mediennutzung hinzuführen und auf diese Weise den Einfluß der Medien durch Gegenüberstellung mit einem aufmerksamen Nutzer zu relativieren (ebenda; siehe auch Schorb 1990, S.161).

Medienpädagogik als Anleitung zur praktischen, alternativen Medienarbeit

Im Zentrum dieser Konzeption stehen Bemühungen, den Mediennutzer zur eigenständigen Arbeit mit Medien anzuleiten. Das kann zum Beispiel in der Schule in Form von Foto-AGs, Videoprojekten und Theaterinszenierungen stattfinden. Im Vordergrund stehen hier eigene Bedürfnisbefriedigung und "(...) um die Erschließung ergänzender Möglichkeiten der Artikulation vernachlässigter individueller und gesellschaftlicher Interessen, weniger um eine Strukturen ändernde, sondern allenfalls um eine sie ergänzende Medienarbeit" (Schorb 1994, S16)

"Als Medienpädagogische Grundrichtungen der 70er Jahre lassen sich (...) eine primär analytisch, philosophisch-soziologisch fundierte Medienkritik und Medienanalyse und eine stärker aktivierende, partizipatorisch akzentuierte Richtung der Medienarbeit ausmachen" (ebenda).

Sozialökologische Analyse alltäglicher Umgangsweisen mit Medien

Bei dieser vierten Konzeption sind es nicht die Medien selbst, sondern der Konsument, der im Zentrum des Interesses steht. Es wird versucht, aus der (Medien-) Biographie des Nutzers, aus seiner sinnhaften Organisation des Alltags nach den individuellen Formen des Medienumgangs zu fragen. Die daraus gewonnenen Handlungsanleitungen für die Medienerziehung wenden sich weniger an das Medienprodukt, sondern möchten den Nutzer über Verfahren wie Selbstbeobachtung und Selbstreflexion zu einem neuen Umgang mit diesen Medien verhelfen (ebenda).

Informations- und kommunikationstechnologische Qualifizierung

Zielrichtung dieser Konzeption ist die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die einen effizienten Umgang mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien im Blick haben. Ihr liegt der Gedanke zugrunde, daß in naher Zukunft auf Computerkenntnisse nicht mehr verzichtet werden kann. Sie postuliert daher, gerade auch im Zusammenhang mit der Standortdebatte, an Schulen, Vereinen etc. den Umgang mit Computern zum Unterrichtsgegenstand zu machen, d.h. diese Institutionen auch mit entsprechenden Geräten auszustatten.

(vgl. Schorb, Hüther 1990, S.163)

Die hier angesprochenen medienpädagogischen Konzeptionen entstammen unterschiedlichen Epochen unseres Jahrhunderts und waren verschiedenen Einflüssen ausgesetzt. Die Verbreitung etwa neuer Medientechnologien war auch immer Anstoß zur Weiterentwicklung der Medienpädagogik. Darüber hinaus spiegelten sich in den jeweiligen pädagogischen Ansätzen Einflüsse aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen wider, beispielsweise in den 70er Jahren durch die Kritische Theorie. Dies ist auch ein Hinweis auf für die Medienpädagogik wichtige Bezugswissenschaften: Soziologie, Psychologie, Philosophie, Allgemeine Didaktik, Erziehungswissenschaft und Kommunikationswissenschaften.

Die oben erwähnten unterschiedlichen medienpädagogischen Konzeptionen werden heute als "implizit aufeinander bezogene, miteinander konkurrierende, also eher aufeinander angewiesene als einander verdrängende pädagogisch-politische Zugriffe und gesellschaftliche Reaktionsweisen auf neu entwickelte Medientechnologien" (Swoboda 1994, S.20) verstanden.

Außerhalb der Fachkreise bleibt die geführte Diskussion über Medien weitgehend konstant auf der bewährpädagogischen Ebene stecken - trotz Weiterentwicklung von Medien und Inhalten, d.h. eine Rezeption des neueren medienpädagogisch-wissenschaftlichen Diskurses durch die Öffentlichkeit unterbleibt (ebenda).

Einige besonders extreme Fälle, bei denen Gewaltäußerungen auf entsprechenden Medienkonsum zurückgeführt werden, lassen oftmals in Politik und Öffentlichkeit die Forderung nach schärferen Restriktionen vor allem im Bereich Jugendschutz laut werden, so verständlich das in diesen Fällen auch sein mag - aber leider zu Lasten einer Beschäftigung mit der normalen Alltäglichkeit des Mediengebrauchs, sei es bei Kindern und Jugendlichen oder auch Erwachsenen.

3. Medienpädagogik in der Praxis

In dem von uns erstellten Fragebogen befinden sich eine ganze Reihe von Fragen, bei denen es sich anbietet, diese am Beispiel einiger Institutionen aus dem Raum Hannover zu beantworten. Dazu haben wir schriftliches Informationsmaterial gesammelt und zusätzlich einige qualitative, themenzentrierte Interviews (jeweils ca. 20-30 Min. Länge) geführt. Diese haben Mitglieder unserer Projektgruppe mit den Leitern der betreffenden Institutionen vor Ort, d.h. an deren Arbeitsplatz, durchgeführt. Der Interviewleitfaden wurde in Anlehnung an den Projektfragebogen konzipiert. Zusätzlich wurden noch einige speziell die Institution betreffende Fragen gestellt, die so in unserer Umfrage nicht auftauchen, des weiteren Fragen zum Werdegang der interviewten Mitarbeiter.

Sämtliche von uns besuchten Einrichtungen zeigten sich sehr kooperativ, die betreffenden Leiter waren zu einem Gespräch sofort bereit.

Im folgenden Teil werden wir kurz drei der von uns besuchten Institutionen vorstellen. Dabei werden eine ganze Reihe von Aspekten aus unserem Projektfragebogen bereits angesprochen (Institutionen und Kooperation, Berufsgruppen, Projekte und Erfahrungsaustausch), so daß eine separate Auflistung an dieser Stelle unangebracht wäre. Zur Beantwortung der allgemeineren Fragen (Realisierungsprobleme und Relevanz von Medienpädagogik - bezogen auf die Bundesrepublik Deutschland) dienen uns im wesentlichen die Stellungnahmen aus den Interviews als Informationsquelle. Die dort geäußerten Meinungen sind zwar einerseits nicht repräsentativ, sondern spiegeln nur die jeweilige Einstellung und das jeweilige Wissen der Interviewten wider. Andererseits handelt es sich bei den Befragten um Experten, die sich zu ihrem Fachgebiet äußern und somit sicherlich um realistische Einschätzungen.

Bei den Institutionen selbst handelt sich um eine kirchliche Einrichtung mit medienpädagogischen Angeboten verschiedenster Art, einer Einrichtung, die im Bereich Jugendschutz tätig ist und einer Behörde für Lehrerfortbildung. Wie aus dem Fragebogen ersichtlich, interessieren wir uns u.a. dafür, inwieweit Medienpädagogik in den staatlichen Schulsystemen andere Länder, das heißt im nationalen Curriculum und in der Lehrerausbildung, verankert ist. In Deutschland liegt die Kultushoheit und damit die Schulhoheit bei den einzelnen Bundesländern, in unserem Fall dem Land Niedersachsen. Die für diese Fragen zuständige Behörde hat ihren Sitz in der Landeshauptstadt Hannover. Es war uns glücklicherweise möglich, dort den zuständigen Leiter zu sprechen.

Wir meinen mit dieser Auswahl wenigstens ein einigermaßen differenziertes Bild möglicher Formen medienpädagogischen Arbeitens zeichnen zu können.

3.1 Beispiel: Drei medienpädagogisch tätige Institutionen

Die Medienzentrale im Amt für Gemeindedienst der Ev.-Luth. Landeskirche Hannover

Die 1976 aus der Filmkammer Hannover hervorgegangene Medienzentrale unterhält ein umfangreiches Dienstleistungsangebot, das von verschiedensten Gruppen und Einrichtungen genutzt wird. Zu den Hauptkunden gehören in erster Linie die eigenen Gemeinden mit ihrer kirchlichen Bildungsarbeit sowie Religionslehrer, die sich mit Unterrichtsmaterial versorgen möchten. Darüber hinaus steht die Medienzentrale aber auch anderen gemeinnützigen Vereinen oder Gruppen mit ihren Angeboten zur Verfügung, beispielsweise Theatern, Film-Arbeitsgemeinschaften, Initiativen etc.

Von den 12 Mitarbeitern haben sechs quasi einen Referentenstatus und sind zuständig für die verschiedenen Fachgebiete der Zentrale: Medienpädagogik/Kulturarbeit, Aktive Medienarbeit/Medientechnik, Medienverleih/ audiovisuelle Medien, Buch- und Büchereiarbeit sowie Spiel- und Theaterpädagogik/ Fest und Feier. Die Referenten haben z.T. ein geisteswissenschaftliches Studium (FH oder Uni) mit medienpädagogischem Schwerpunkt absolviert (Medienpädagoge, Theaterpädagoge, Dipl. Bibliothekarin), es gibt aber auch Seiteneinsteiger (Techniker), die erst später zu diesem Beruf gekommen sind.

Die Angebotspalette der Medienzentrale ist sehr breit. Sie umfaßt: Beratung, Verleih von Medien (Hörmedien, Video, Bücher, Computer inkl. CD-ROM, Dia- Projektoren usw.), Veranstaltung von Fortbildungen, Erstellung eigener Publikationen und Medienproduktionen, Organisation von Ausstellungen und Vermittlung von Referenten und Beratern im Bereich Medien- und Kulturarbeit.

Für das jeweils kommende Jahr gibt die Ev.Luth. Medienzentrale ein ca. 30 Seiten starkes Info-Heft heraus. Es enthält neben einer ausführlichen Übersicht über die in den einzelnen Fachgebieten geplanten Veranstaltungen auch eine Liste eigener Publikationen und Diskussionsbeiträge.

Kommentar zu einer Veranstaltung aus dem Bereich Medienpädagogik/ Technik mit dem Titel Video-Workshop creativ:


Experimentelles Arbeiten mit dem Camcorder

Wir wollen uns Zeit nehmen, im Bereich LICHT, FARBE und FORM experimentell zu arbeiten, technische Effekte im Bildbereich zu erproben und über gezielte dramaturgische Einsatzmöglichkeiten reflektieren.

Ziel dieses Seminars könnte es sein, einen eigens gestalteten experimentellen Video-Clip zusammenzustellen

Ort: nach Absprache

Termin: mehrtägig, nach Absprache

Kosten: nach Absprache

Leitung: Volker Tellermann

Teilnehmer: ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen, Pastoren/Pastorinnen


In dem Info-Heft der Ev.Luth. Medienzentrale befinden sich zu den verschiedenen Fachgebieten jeweils mehrere solcher oder ähnlicher Ankündigungen. Dazu auch ausführlichere Kommentare zu Projekten, z.B. einer Kooperation mit der Theaterwerkstatt Hannover.

Woher kommt eigentlich das starke Interesse der Kirche an Medienpädagogik?

Der erste Grund ist sehr naheliegend: Kirche ist selber aktiv am Mediengeschehen beteiligt, z.B. unterhält sie kirchliche Rundfunksender, gibt Zeitungen heraus, Bücher, Hörmedien, Filme usw.. Damit ist sie in der Lage, eine Vielzahl von Menschen mit ihren Botschaften zu erreichen. So ist es auch nicht verwunderlich, daß sie sich Gedanken über Wirkungsweisen von Medien macht und bei unerwünschten Effekten das Anliegen hat, pädagogisch gegenzusteuern.

Ein zweiter Grund, so Klaus Hoffmann (Leiter der Einrichtung), sei schlicht die Tatsache, daß Kirche sich mit der Realität des Lebens zu beschäftigen habe. Und dazu gehören nun mal auch alle Formen von Medien. Diese würden das Leben von Menschen heute entscheidend mitbeeinflussen, in Alltag, Freizeit, Beruf und Erziehung. Medien hätten großen Einfluß in der Vermittlung von Themen, d.h. in der Bildung von Meinungen.

Die wichtige Bedeutung der Medien sieht Hoffmann auch für den Bereich des schulischen Lernens. Im Fall seiner Institution betrifft das vor allem den Religionsunterricht und Fragen der Mediendidaktik.

Allgemein sei es wichtig, mit Medien kompetent umgehen zu können. Er sieht darin eine grundlegende und notwendige Kulturtechnik - neben anderen. Deshalb sollte Medienpädagogik auch stärker im schulischen Unterricht berücksichtigt werden, entweder interdisziplinär oder als eigenständiges Fach.

Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (LJS)

Der Bereich Medien ist nur eines von mehreren Gebieten, denen sich die 1978 gegründete Landesstelle Jugendschutz gleichrangig widmet. Daneben stehen die Themen Gewalt (Kindesmißhandlung, sexueller Mißbrauch, gewalttätiges Verhalten und Aggressionen bei Kindern und Jugendlichen), Sucht (Suchtmittel und Suchtverhalten: Tabak, Alkohol, Haschisch, Ecstasy, Eßstörungen; Gesundheitsförderung im Kindergarten) und Sexualität (Sexualerziehung, Aidsprävention). Die genannten Punkte werden zusätzlich jeweils unter geschlechtsspezifischen Aspekten thematisiert.

Finanziert wird die Landesstelle Jugendschutz durch Mittel des Landes Niedersachsen. Sie ist ein Fachreferat der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen. Zur Information: In dieser Arbeitsgemeinschaft sind ebenfalls organisiert die Arbeiterwohlfahrt, Caritasverband, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonisches Werk und Jüdische Wohlfahrt.

Ihr eigenes Selbstverständnis formuliert die LJS wie folgt: "Kinder und Jugendliche haben einen Anspruch auf Schutz ihrer geistigen, seelischen und körperlichen Unversehrtheit. Kinder- und Jugendschutz will das Wohlergehen der heranwachsenden Generation sichern helfen und den Gefährdungen einer sich schnell und tiefgreifend wandelnden Welt mit vielen individuellen und gesellschaftlichen Bedrohungen entgegenwirken" (Info-Broschüre LJS).

Uns interessiert nun besonders die Art und Weise, wie der Aspekt Medien aufgegriffen wird. Schwerpunkte sind hier: Fernseh- und Videokonsum, Computerspiele/Multimedia, Frauenbild/Pornographie und Werbung/Konsumverhalten. Das erklärte Ziel dabei ist, Maßnahmen einzuleiten, die Kinder und Jugendliche vor negativen Folgen falschen Mediengebrauchs schützen. Die Arbeit der drei in der LJS tätigen Referenten, plus eine Leiterin und Verwaltungskraft, richtet sich im wesentlichen an Multiplikatoren, vor allem also Erzieher, Sozialpädagogen, Lehrerinnen, etc.. Diesem Personenkreis steht eine ganze Palette von Möglichkeiten offen, sich über die LJS zum Thema Medien zu informieren. So strukturiert sich die Arbeit des LJS wie folgt: Organisation von Fortbildungen und Informationsveranstaltungen, Konzipierung von Präventionsprojekten, Beratung bei Seminaren, Fortbildungen, Projektwochen und Einzelmaßnahmen, Entwicklung von Informations- und Arbeitsmaterialien und Organisation und Koordination von Arbeitskreisen. Auch stehen die drei Referenten und Referentinnen sowie die Leiterin anderen Institutionen für Vorträge, Veranstaltungen u.ä. zur Verfügung. Daneben gibt die LJS eine eigene Zeitschrift heraus, den LJS-Info-Dienst. Darin erscheinen Artikel verschiedener Autoren sowie der eigenen Referenten zu jeweils einem bestimmten Schwerpunktthema, darunter zwei Ausgaben zum Bereich Medien bzw. Medienpädagogik. In der Ausgabe 2/1990 befindet sich z.B. ein mit Statistiken unterfütterter gesellschaftskritischer Artikel zur Medienpädagogik, geschrieben von Andrea Urban, Leiterin der LJS; man kann dort aber auch etwas über die Medienwerkstatt Linden erfahren, einem medienpädagogischen Projekt in einem hannoverschen Stadtteil.

Die in der LJS tätigen Referenten stammen beruflich hauptsächlich aus sozialwissenschaftlichen Studiengängen, z.T. mit spezieller Medienschulung. Im Rahmen ihrer Tätigkeit am LJS nehmen sie auch schon mal an einem europäischen bzw. internationalen Erfahrungsaustausch teil.

Angesprochen auf die Fragen nach Realisierung und Relevanz von Medienpädagogik antwortete Andrea Urban, daß ein Problem der Medienpädagogik darin läge, daß es der Öffentlichkeit an Problembewußtsein mangele. Solange die nötige Sensibilität fehle, würde es die Medienpädagogik schwer haben, gesellschaftliche Anerkennung und damit auch Förderung zu finden. Zudem kritisierte sie die Reduktion des Begriffs Medienkompetenz auf einen rein manuell-technischen Gehalt, wie dies leider in der öffentlichen Diskussion oft gemacht würde.

Niedersächsisches Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI)

Das NLI ist eine dem Niedersächsischen Kultusministerium untergeordnete Stelle, deren Hauptzweck die Organisation von Lehrerfortbildung ist, jedoch zusätzlich eine Vielzahl von weiteren Aufgaben und Tätigkeiten medienpädagogischer Zielsetzung wahrnimmt.

Aus der Erklärung der Kultusministerkonferenz, ein Zusammentreffen der Kultusminister der einzelnen Bundesländer in Deutschland, vom 12.05.1995 geht hervor, daß man auf die zunehmende Bedeutung neuer Medien im Alltag von Kindern und Jugendlichen durch eine verstärkte Medienpädagogik in der Schule Einfluß nehmen möchte. Zwar handele es sich in erster Linie um eine Aufgabe elterlicher Erziehung, jedoch müsse auch die Schule es als Ziel von hoher Priorität betrachten, junge Menschen zu einem verantwortlichen, kritischen aber auch kreativen Medienumgang anzuleiten. Ein 1994 verabschiedeter "Orientierungsrahmen Medienerziehung in der Schule" beschreibt dazu folgende Ziele:

Medienpädagogik muß Schüler zu einem sachgerechten, selbstbestimmten und sozial verantwortlichen Umgang mit den Medien befähigen. Es sei daher erforderlich, daß Schüler (1) sich in der Medienwelt zurechtfinden können, (2) die durch Medien vermittelten Informationen, Erfahrungen und Handlungsmuster kritisch einordnen können, (3) und sich innerhalb einer von Medien bestimmten Welt selbstbewußt, eigenverantwortlich und produktiv verhalten können.

Auf dieser Grundlage kommen die Kultusminister und -senatoren zu der Ansicht, daß:

  1. Medienpädagogik in der Schule von einer grundsätzlichen Offenheit gegenüber der Medienwelt ausgehen muß und mit angemessenen Arbeitsformen auf die Handlungsmuster der Heranwachsenden einzugehen hat
  2. Richtlinien und Lehrpläne medienpädagogischer Aufgabenfelder stärker entfaltet und differenziert werden müssen, z.B. fächer- und altersbedingte Zuordnung von Problemstellungen
  3. eine Veränderung der organisatorischen und inhaltlichen Voraussetzungen die fachbezogene und fächerübergreifende kontinuierliche medienpädagogische Arbeit verbessern soll
  4. für Medienpädagogik eine angemessene Ausstattung im technischen Bereich unverzichtbar ist
  5. vorhandene Infrastrukturen, beispielsweise Bildstellen/ Medienzentren, Rundfunkanstalten, Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit für Medienpädagogik in der Schule genutzt werden sollten
  6. Medienpädagogik in die verschiedenen Phasen der Lehrerausbildung als verpflichtender Bestandteil aufgenommen werden sollte
  7. Medienpädagogik insbesondere in der Lehrerfortbildung eine angemessene Berücksichtigung finden müsse

Das NLI organisiert vor dem Hintergrund einer solchen Erwartungshaltung nicht nur die Lehrerfortbildung für niedersächsische Lehrer, sondern fungiert als eine Art Schnittstelle zwischen Schulen und verschiedenen anderen Medieninstituten und verhilft diesen zur Kooperation.

Im folgenden werden die wichtigsten Aufgabengebiete des NLI umrissen:

(1) Pädagogische Information, Dokumentation und Beratung

  1. Mediensammlung, -verleih und -distribution
  1. Fort- und Weiterbildung im Bereich Medien-/Kommunikationspädagogik
  2. Aktive Medienarbeit und Medienkulturarbeit

Das NLI hat also eine ganze Fülle von verschiedenen Aufgaben zu erfüllen. Es würde den Rahmen sprengen, jetzt noch zu den oben genannten Punkten Beispiele aufzuzeigen. Aus dem Gespräch mit Dr. Wolf-Rüdiger Wagner, Leiter des NLI, wurde jedoch schnell klar, daß vieles eben nur auf dem Papier glänzt, daß sich aber zum Beispiel die Realität der Lehrerfortbildung im Bereich Medienpädagogik eher bescheiden ausnimmt. Viele der angebotenen Veranstaltungen würden mangels Interesse der Teilnehmer gar nicht stattfinden. Meist ältere Lehrer würden wenig Sinn darin finden, sich mit neueren medienpädagogischen Ansätzen zu beschäftigen, denn das würde ja u.a. eine Neuorganisation des Unterrichts mit sich bringen, also einen hohen Aufwand. Falls dann doch mal Interesse bestünde, handele es sich meistens um technische Fragen, z.B. zur Bedienung eines Videorecorders, so Wagner. Unter solchen Gesichtspunkten leistet das NLI - wie die meisten anderen medienpädagogischen Einrichtungen auch - Pionierarbeit in einem durch steten technischen Fortschritt nicht zur Ruhe kommenden Arbeitsfeld.

In den Tätigkeitsbeschreibungen der hier vorgestellten Institutionen spiegeln sich implizit die im ersten Teil vorgestellten theoretischen Konzeptionen und in unterschiedlichen Akzentuierungen wider. Es deuten sich aber noch weitere Gemeinsamkeiten an: Ebenso wie medienpädagogische Theoriebildung unterliegt praktische Medienarbeit ständig gesellschaftlicher Veränderung. Technische Neuerungen, sich ändernde Verhaltensweisen und Medieninhalte fordern zur ständigen Überarbeitung gegenwärtiger Konzepte auf, um der Entwicklung nicht hinterherzuhinken. Da wird es schwierig, einer nach Einfachheit und Verbindlichkeit von Lösungen strebenden Politik, vor allem wenn es um Gelder geht, die Bedeutung und Notwendigkeit von Medienpädagogik klarzumachen. Das betrifft Forschungsgelder, die Ausstattung von Schulen, Lehrerfortbildung, die Arbeit von Medienwerkstätten etc. Kurz gesagt, das Ausmaß, in dem Medien in Deutschland in den Alltag eines jeden eingedrungen sind, erfährt auf pädagogischer Ebene noch zu wenig Entsprechung. Um in der deutschen Öffentlichkeit sicherer auftreten zu können und um Unterstützung zu werben, wäre ein Verweis auf ausländische Erfahrungen zu bestimmten Fragen sicherlich dienlich.

Wir hoffen, mit diesem Projekt einen eigenen kleinen Beitrag zu einem internationalen Erfahrungsaustausch leisten zu können.

4. Anregung für eine Projektfortführung

Aus den Ergebnissen dieser ersten Phase unseres Projektes ergeben sich für den Bereich Deutschland durchaus Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen. Aus unser Darstellung geht beispielsweise nicht hervor, inwieweit der aktuelle wissenschaftliche Diskurs in der praktischen Arbeit bemerkbar macht, ob gewohnheitsmäßig auf zum Teil ältere Modelle und Verfahrensweisen zurückgegriffen wird, oder ob Theorie ohnehin einen nebensächlichen Stellenwert einnimmt.

Zweitens könnte man im Sinne einer regionalen Strukturanalyse eine Gesamterhebung für die Region Hannover durchführen, alle vorhandenen medienpädagogischen Institutionen erfassen und die Verbindungen zwischen ihnen grafisch, vielleicht als eine Art Netzwerk auf einer Landkarte/einem Stadtplan, aufzeigen. Ein solches Schaubild ließe sich durch Kurzinformationen und Fotomaterial hervorragend ergänzen.

Außerdem schlagen wir eine für die Region Hannover repräsentative Lehrerbefragung zur Medienpädagogik vor. Welchen Kenntnisstand von Medienpädagogik haben unsere Lehrer, kennen sie die in Hannover ansässigen medienpädagogischen Institutionen, welche Einstellung haben sie zu neuen und alten Medien und zur Medienpädagogik? Diese Zentralkategorien ließen sicherlich noch ergänzen, auf jeden Fall aber fein aufgliedern.

Zum Abschluß möchten wir uns noch einmal bei Frau Andrea Urban, Herrn Klaus Hoffmann und Dr. Wolf-Rüdiger Wagner für ihre Unterstützung bedanken.

Literatur:

Baacke, Kübler (1989): Qualitative Medien- und Kommunikationsforschung, Tübingen

Ev. Medienzentrale (1996): Infoheft 1996

Hüther, Schorb, Brehm-Klotz (1990): Grundbegriffe der Medienpädagogik, Böblingen

Hiegemann, Swoboda (1994): Handbuch der Medienpädagogik, Opladen

Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (1990): LJS-Info-Dienst, Medienpädagogik

Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen (1994): LJS-Info-Dienst, Medien pflastern ihren Weg

Landesmedienstelle im Niedersächsischen Landesverwaltungsamt (1995): Texte zur Medienpädagogik 8, Medienpädagogik in der Schule

Landesmedienstelle im Niedersächsischen Landesverwaltungsamt (1994): Texte zur Medienpädagogik 2, Aktiver Medieneinsatz im Religionsunterricht

Landesmedienstelle im Niedersächsischen Landesverwaltungsamt (1994): Programm der Niedersächsischen Lehrerfortbildung und Lehrerweiterbildung

Schorb, B. (1995): Medienalltag und Handeln, Opladen

Tulodziecki, G. (1989): Medienerziehung in Schule und Unterricht, Bad Heilbrunn


Aktualisiert am 25. Februar 1999